Heimat-Jahrbuch 2003

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Der HĂŒttenhof in Zeppenheim

Vom frĂŒhen Stiftshof zum eleganten Wohnsitz

Am 5. Dezember 1419, am Tag vor dem Hochfest des hl. Nikolaus, verkaufen die Eheleute Schirp zusammen mit Frau Greta Stail an die Stiftsherren zu Kaiserswerth und an die Geistlichen der Vikarie Sankt Nikolaus aus ihrem Zeppenheimer Hof, dem ehemaligen Wallengut, eine Erbrente von 6 Sester Roggen, abzuliefern am Namensfest des hl. Remigius auf den Stiftshof zu Zeppenheim. Diese schriftlich dokumentierte Nennung des Zeppenheimer Stiftshofes von 1419 dĂŒrfte die frĂŒheste bisher bekannte ErwĂ€hnung des Hofgutes sein. Einhundert Jahre spĂ€ter trĂ€gt der Stiftshof den Namen „Capitelshoff“, spĂ€ter heißt er dann „Hoff in der HĂŒtten“ und vom 17. Jh. an „HĂŒttenhof“. Möglicherweise enthĂ€lt aber auch eine Urkunde aus dem 11. Jh. schon einen ersten Hinweis auf den Kaiserswerther Stiftshof in Zeppenheim. Das SchriftstĂŒck beinhaltet außer den fĂ€lligen Renten eine Auflistung aller Ortschaften – so u.a. Zeppenheim -, die dem Kapitel zur Lieferung von Brot verpflichtet sind. Diese Brotlieferungen stammten aus den BackhĂ€usern der Stiftshöfe und gehörten, wie der zu liefernde Zehnt, zum festen Naturaleinkommen der Kanoniker. Viehtrift und Holznutzung hatte Kaiser Heinrich VI. den Stiftsherren im Jahr 1193 fĂŒr weitere Jahre insofern gesichert, als er ihnen erneut die Waldgrafschaft ĂŒber verschiedene Gemarken in Zeppenheim, Überangern, Lintorf, Stockum usw. urkundlich bestĂ€tigte. Um 1520 verfĂŒgt das Kaiserswerther Stift ĂŒber umfangreiche Besitzungen im Herzogtum Berg. Davon liegen im Amt Angermund, in der Honschaft Raede (Rath) sechs Höfe, ferner die Einbrunger WassermĂŒhle und: „eynen haff genant des capittels hoff Zeppenhem myt synen zynden“.

HĂŒttenhofpĂ€chter im 16. Jahrhundert
Der erste namentlich bekannte PĂ€chter ist Johann Angermund. Er pachtet 1528 und 1531 den „Hoff in der HĂŒtten“ auf Lebenszeit und hat als jĂ€hrlichen Zehnt 8 Malter Roggen, 2 Malter Gerste und 10 Malter Hafer abzugeben. Vermutlich hat auch schon im 16. Jh. das Capitel die genaue Maßangabe fĂŒr den Malter vorgegeben. Einhundert Jahre spĂ€ter, als die Naturallieferungen teilweise um das dreifache angestiegen und durch Wein-, Weizen- und Erbsenlieferungen ergĂ€nzt worden waren, wird ausdrĂŒcklich auf das genaue „Capituls-Maaß“ hingewiesen. Im Jahr 1549 macht der PĂ€chter des Hofes, ein „Halbwinner“ (Halfmann/Halbmann), der seine Pacht mit der HĂ€lfte seiner ErtrĂ€ge bezahlt, eine genaue Aufstellung ĂŒber die zum Besitz des HĂŒttenhofes gehörenden LĂ€ndereien, Weiden, Benden (Wiesen) und Waldungen. Die GrĂ¶ĂŸe des Hausplatzes und des Baumgartens betrĂ€gt 3 ½ Morgen. An Ackerland gehören zum Hof 98 Morgen, 16 ½ Morgen Weiden und Heuwiesen und 12 ¼ Morgen Holzgewalten. Ein Morgen entsprach einer AckerflĂ€che, die man an einem Vormittag (Morgen) mit seinem Pferd pflĂŒgen konnte. Der HĂŒttenhofhalbmann von 1577 heißt Cemery bzw. Clemens. Die der Verpachtung anklebenden jĂ€hrlichen Abgaben sind inzwischen betrĂ€chtlich gestiegen und belaufen sich nun auf: 19 ½ Malter Roggen, 18 Malter Hafer, 8 Malter Gerste und 5 Malter Weizen. Außerdem hat er den Sackzehnten an den Pastor zu Kalkum in Form von 3 Malter Hafer und 11 SĂŒmmer Roggen zu liefern, an den KĂŒster einen SĂŒmmer Roggen, sowie einen LĂ€uthgast (Abgabe an die Kirche) von 12 par Roggen, was einem SĂŒmer Roggen entspricht. Außerdem ist er zu Kellnereifuhren verpflichtet.

HĂŒttenhofpĂ€chter im 17. Jahrhundert
In einer Steuerliste von 1604 gehört der HĂŒttenhof zu den höchstbesteuerten Höfen. Der derzeitige Halbmann LĂŒtgen (Ludgen) ist mit einer ebenso betrĂ€chtlichen Steuersumme belastet, wie der spĂ€tere HĂŒttenhofpĂ€chter aus der Steuerliste der DĂŒsseldorfer KreuzbrĂŒder von 1631. PĂ€chter LĂŒtgen hat u.a. drei zum HĂŒttenhof gehörende KĂ€mpen (Felder) in Pacht, die jahrelang nicht bearbeitet worden waren und auf denen nun wildes Gehölz gewachsen ist. Dazu teilt ihm, dem „ehrenwerten Capituli-Halfmann“, die Stifts-Verwaltung eindringlich mit, auf diese LĂ€ndereien ein Ă€ußerst wachsames Auge zu haben, denn die Angermunder Burgknechte hĂ€tten die Angewohnheit, jeglichen Rott, zu dem dieser Wildwuchs gehöre, rĂŒcksichtslos abzuschneiden und fĂŒr sich zu beanspruchen. Das Holz wĂ€re fĂŒr ihn damit ein fĂŒr alle Mal verloren. Das Lastenverzeichnis des Hofgerichts Rath von 1620 nennt Johann Holtschneider und Effgen in der Hutten auf dem Kapitelshof ansĂ€ssig. Zwar ist der Hof „schatzfrei“, d.h. von jeglicher Grundvermögensabgabe befreit, darĂŒber hinaus aber den landesherrlichen Pflichten unterworfen. Dazu gehört, daß die PĂ€chter „mit dem Leib dienen“, also SchĂŒppendienste leisten, d.h. Wege instand setzen, AufrĂ€umarbeiten in Überschwemmungszeiten leisten oder auch Arbeiten verrichten, zu denen die Kellnerei in Angermund sie verpflichtet.

Anno 1623, der Halbmann LĂŒtgen ist verstorben, pachtet Jacob Jelter im Namen seines Schwiegersohns den HĂŒttenhof. Der Vertrag wird mit „Handtastung“ (per Handschlag) abgeschlossen und erhĂ€lt so seine RechtsgĂŒltigkeit. Jacob Jelter bĂŒrgt fĂŒr die prompte Zahlung der PachtgebĂŒhren und verspricht, die gerichtlich vorgeschriebene Kaution zu leisten. Die jĂ€hrlich auf Martini, d.h. am 11. November, bei den Korn-Meistern abzuliefernden Getreidemengen werden festgelegt, jedoch in reduzierten Maßen. Sie sollen erst in neun Jahren wieder auf die alte QuantitĂ€t erhöht werden. Möglicherweise hatte man sich noch nicht von den SchĂ€den erholt, die die Truppen des DreißigjĂ€hrigen Krieges hinterlassen hatten, die plĂŒndernd und zerstörend durch die hiesigen Dörfer gezogen waren. 1626 wird der in Kaiserswerth liegende, zum HĂŒttenhof gehörende Landbesitz von Dechant und Kapitel separat verpachtet. Dham im Ritter und seine Frau Trin Gerkers nehmen die LĂ€ndereien auf zwölf Jahre in Pacht, die nach sechs Jahren aufkĂŒndigt werden können.

Am 10. Juni 1649 lassen die Stiftsherren durch ihren Scholaster Heinrich von Vianden eine Liste ĂŒber alle Lasten ihrer PĂ€chter erstellen. So ist der HĂŒttenhof verpflichtet, fĂŒr die herzogliche Kellnerei in Angermund anfallende Fuhrdienste zu ĂŒbernehmen, dem Kalkumer Pastor jĂ€hrlich an Sackzehnten 3 Malter Roggen und 11 SĂŒmmer Hafer zu liefern, dem KĂŒster einen SĂŒmmer Roggen, ebenso einen SĂŒmmer Roggen an die Kirche fĂŒr LĂ€uthgast sowie sechs Schweine an das Kaiserswerther Stiftskapitel. Im selben Jahr beklagt sich der HĂŒttenhofpĂ€chter, der auch fĂŒr die Entgegennahme des Kapitelszehnten der umliegenden Höfe zustĂ€ndig ist darĂŒber, daß die Lieferungen nicht immer ganz reibungslos von statten gehen. Die vom Forsthof wĂŒrden stĂ€ndig versuchen, beim Abmessen des Getreides zu betrĂŒgen und Hendrig Adrians gĂ€be einfach „waß Er wilt“.

Am 17. Mai 1680 erstellt das Stift eine Auflistung aller in den HĂŒttenhof zehntpflichtigen Äcker, zu denen der Halbmann Heinrich Beelen noch kurz vor seinem Tod genaue Angaben gemacht hatte. Nach dieser Liste belĂ€uft sich das Ackerland auf eine GesamtflĂ€che von 229 Morgen. Nach den Vorschriften der Dreifelderwirtschaft wird es zu je einem Drittel mit Winter- und SommerfrĂŒchten besĂ€t, wĂ€hrend das letzte Drittel der FlĂ€che unbeackert bleibt, also brach liegt. Der auf Heinrich Beelen folgende PĂ€chter heißt Philippi vom Rhein. Er ist verheiratet mit Elisabeth Hoffmann. Die beiden Eheleute lassen am vorletzten Tag des Jahres 1685 in der Kalkumer St. Lambertuskirche ihren Sohn Johann Friedrich taufen.

1689 beklagt sich Philippi in einem Protokoll, das ein Scholaster des Kaiserswerther Stifts erstellt, daß seit Jahren der Schwarzbach in Hochwasserzeiten immer wieder große SchĂ€den auf dem HĂŒttenhof anrichte. Mit der Anlage eines Schutzdammes könnte hier Abhilfe geschaffen werden. Die inzwischen verstorbene Witwe vom Niederhof im Unterdorf (vermutlich die Gattin des Johann Pluner) hĂ€tte er schon in gut nachbarlichem Einvernehmen ersucht, sich mit einem Damm, der auch ĂŒber ihre LĂ€nderei fortgefĂŒhrt werden mĂŒsse, einverstanden zu erklĂ€ren. Nun habe er sich an deren Söhne, Tochter und Schwiegersohn gewandt und ihnen zugesichert, daß durch die Errichtung eines Dammes weder fĂŒr sie daraus ein Nachteil noch fĂŒr ihn eine zukĂŒnftige Berechtigung entstehe. Ob die NiederhofpĂ€chter letztlich dem Dammbau zugestimmt haben, ist nicht bekannt. Heute lĂ€uft der Schwarzbach westlich der Zeppenheimer Straße zwar immer noch durch ein an den RĂ€ndern hochaufgeschĂŒttetes Bachbett, diese Erhöhung aber entstand erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als ein plötzliches Hochwasser wieder einmal den Bach bedrohlich anschwellen ließ und die DĂŒsseldorfer Feuerwehr die Ufer mit SandsĂ€cken abdichtete. Diese SandsĂ€cke wurden nie wieder entfernt, und so sind die hohen DĂ€mme geblieben, ĂŒber die im Laufe der Jahre Gras und wildes Buschwerk gewachsen ist.

Familie von Holtum
Der nĂ€chste PĂ€chter auf dem HĂŒttenhof ist Peter von Holtum, dessen Familie ĂŒber drei Generationen, bis 1822, das Gut bewirtschaftet. Peter von Holtum wird erstmals in der Huldigungsliste, die KurfĂŒrst Karl Philipp 1730/31 fĂŒr seinen designierten Nachfolger Franz Ludwig erstellen lĂ€ĂŸt, namentlich genannt. Im Steuerbuch Kreuzberg von 1734/35 ist dagegen lediglich das Stift als EigentĂŒmer des Hofes vermerkt. Im Juli 1731 heiratet Peter von Holtum Gertrud Hosgen. Vier Kinder werden ihnen in den Jahren zwischen 1732 und 1735 geboren, 2 Töchter und 2 Söhne, von denen der 1733 geborene Peter Ludger spĂ€ter die Nachfolge seines Vaters antritt. Möglicherweise ist Gertrud Hosgen bei der Geburt der Tochter Maria Elisabeth Ende Dezember 1735 verstorben, denn bereits im Mai 1736 heiratet Peter von Holtum in zweiter Ehe die aus Ehresheim stammende Catharina Finger. Die beiden haben ebenfalls 2 Töchter und 2 Söhne.

1744 erstellt das Stift eine neue Liste ĂŒber die den HĂŒttenhof betreffenden LĂ€ndereien, GĂ€rten und Zehnten. Zu den Abgaben gehört, wie bei den vorherigen PĂ€chtern, neben dem Sackzehnten an den Pfarrer und ein SĂŒmmer Roggen an den KĂŒster, nun auch ein Brot fĂŒr die Armen in Kalkum. Außer verschiedenen weiteren Höfen in Kalkum und Zeppenheim war auch der auf dem Schloß wohnende Grundherr mit dieser Brotabgabe belegt. Die meist vierzehn Pfund schweren Brote wurden jedes Jahr am sogenannten Hagelfeiertag von den Kirchmeistern entgegen genommen und an die Armen des Dorfes verteilt. Den Hagelfeiertag, der im Erzbistum Köln im allgemeinen in die Zeit der Bittage Anfang Mai fiel, feierte Angermund und Ratingen nachweislich am 26. Juni, dem GedĂ€chtnistag der Heiligen Johannes und Paulus, die als Schutzheilige gegen Hagel und Unwetter galten. Dieses Datum dĂŒrfte auch fĂŒr Kalkum zugetroffen haben. Lange Zeit gab es in den Feldern noch die weiß gestrichenen Hagelkreuze, zu denen am Hagelfeiertag Prozessionen veranstaltet wurden.

Im Juni 1762 heiratet Peter Ludger, aus der nĂ€chsten Generation der von Holtums, die aus MĂŒndelheim stammende Rebecca Bieger. Zusammen mit den Eheleuten wohnt auf dem HĂŒttenhof auch Görgen Bieger, ein Bruder Rebeccas. 1765 werden den Eheleuten die Zwillinge Gerhard und Elisabeth geboren, 1771 der Sohn Peter, der aber noch im selben Jahr verstirbt. Im FrĂŒhjahr 1766 genehmigt das Stift dem HĂŒttenhofpĂ€chter den Bau einer neuen Scheune, die 114 Fuß lang, 27 Fuß breit und 14 Fuß hoch werden soll. Vorgesehen sind zwei Fenster, vier TĂŒren SchĂŒttbretter und ein Eingangstor an der Kopfseite der Scheune. Den Auftrag bekommt der Zimmermeister Henrich Holtzschneider, der seine Werkstatt vermutlich in Kaiserswerth hat. Das Kapitel gestattet dem Zimmermeister die Entnahme des benötigten Bauholzes aus den eigenen Waldungen. Als Lohn fĂŒr seine Arbeit und fĂŒr Trank soll Holzschneider 240 Reichstaler oder 80 Alt Kölnisch erhalten.

Als sich um das Jahr 1769 zwischen den Meistbeerbten (Einwohner, die den höchsten Steuersatz zahlten) von Kalkum und Zeppenheim und dem Kalkumer KĂŒster Peter Schmitz heftige Auseinandersetzungen wegen der zu leistenden Hand- und Spanndienste anbahnen, gehört Peter Ludger von Holtum zu den Mitunterzeichnern der Beschwerdebriefe. Sein Schwager Görgen Bieger wird zusammen mit Henrich Osterwindt als ihre Interessenvertreter bestellt. Der Streit mit dem KĂŒster, der sich weigert, fĂŒr den KurfĂŒrsten zwecks Reparatur der Landstraßen anzuspannen zu lassen, obwohl er zwei Pferde besitzt, zieht sich auch noch nach dessen Tod 1771 ĂŒber Jahre hin. Im Jahr zuvor war, vier Tage nach der Geburt eines Sohnes, seine Gattin Gertrud plötzlich verstorben und hatte ihm fĂŒnf unmĂŒndige Kinder hinterlassen. Trotz der traurigen VerhĂ€ltnisse drĂ€ngen die Meistbeerbten auch nach dem Tod der Eltern auf ErfĂŒllung der anstehenden und auch der rĂŒckstĂ€ndigen Pflichten, da ein mit Hand- und Spanndiensten belastetes Eigentum vorhanden ist. Der Streit geht hin und her, letztlich versucht der Vormund der Kinder, Reiner Sieben, der Sache insofern ein Ende zu bereiten, indem er die Pferde einfach abschafft. Görgen Bieger, in seiner Eigenschaft als BevollmĂ€chtigter, opponiert zwar heftig dagegen, muß sich aber von Sieben sagen lassen, daß er doch besser seinen Mund hielte, denn ausgerechnet er habe es doch glĂ€nzend verstanden, sich wĂ€hrend der letzten Kriegszeit auf raffinierteste Art und Weise vor den Spanndiensten zu drĂŒcken. Er, Sieben, wisse genau, daß Bieger seinen Pflichten nur deshalb entgangen sei, weil er es immer wieder geschafft habe, seine Pferde geschickt in Hecken und StrĂ€uchern zu verstecken.

1788 ist Peter Ludger von Holtum tot und seine Frau Rebecca bewirtschaftet in der Nachfolge ihres Gatten als PĂ€chterin bzw. Halbwinnerin, zusammen mit ihrem Bruder Görgen Bieger, den Hof. 1787 bzw. zu Beginn des Jahres 1788 könnte auf dem HĂŒttenhof eine schwere Feuersbrunst gewĂŒtet haben, denn als am 8. Mai 1788 das Kapitel zu einer Sitzung zusammentritt, steht auf der Tagesordnung die Neuerbauung des gesamten HĂŒttenhofes mit Stallung und Backhaus. Da die PĂ€chterin nicht in der Lage ist, die hierfĂŒr erforderlichen Mittel bereitzustellen, bewilligt ihr das Stift einen Zuschuß von 500 Reichstaler. Außerdem Holz von 23 Eichen, sowie 2 Eichen aus dem Kapitelsbusch zu Lank und weitere 17 BĂ€ume, die nach Anweisung des Holzgrafen zu fĂ€llen sind. Möglicherweise bezieht sich aber auch ein weiteres, leider undatiertes Dokument auf den Neubau des HĂŒttenhofes von 1788. Dann allerdings dĂŒrfte der Grund fĂŒr die Baumaßnahmen nicht in einer Brandkatastrophe zu suchen sein, sondern in vorhergegangenen Kriegswirren, da umfangreiche Wiederaufbauarbeiten auch an anderen Stiftshöfen verzeichnet sind. Auf dem HĂŒttenhof, im Haushalt der Geschwister Bieger, lebt im Jahr 1797 noch Peter von Holtum, der Schwiegervater Rebeccas. Als am 6. MĂ€rz der Kalkumer Schullehrer Laurentius Tollet verstirbt und acht Tage spĂ€ter die Wahl des neuen Schulmeisters in der Kirche stattfindet, macht sich der alte Peter von Holtum noch einmal auf, um im Namen des Kapitels seine Zustimmung zur Wahl des Jakob Schmitz zu geben, der seit drei Jahren auch das Amt des KĂŒsters inne hat. Auf die PĂ€chterin Rebecca von Holtum folgt ihr 1765 geborener Sohn Gerhard. 1799 hat er die aus Mettmann stammende Maria Johanna Dohms (Dom) geheiratet, die 1804 auf dem HĂŒttenhof an einem Lungenleiden verstirbt. Wenige Monate spĂ€ter bekommen ihre beiden kleinen Kinder eine neue Mutter. Gerhard heiratet die 26jĂ€hrige Gertrud Schorn aus Altenbrach. 1807 wird ihnen eine Tochter geboren, 1808 der Sohn Johann Peter.

SĂ€kularisation
1803 gehört das Kaiserswerther Stift zu den Klöstern, die der SĂ€kularisierung zum Opfer fallen. Die vorhandenen GĂŒter werden eingezogen und gehen in den Besitz des Staates ĂŒber. Gerhard von Holtum bleibt als DomĂ€nenpĂ€chter auf dem Hof ansĂ€ssig. 1805 findet zwischen der DomĂ€nenverwaltung und der GrĂ€fin von Hatzfeldt eine Flurbereinigung statt, bei der die Grenzen der zum HĂŒttenhof und Kleianshof gehörenden LĂ€ndereien begradigt werden. Nach 1816 geht der HĂŒttenhof aus DomĂ€nenbesitz in Privateigentum ĂŒber. Die beiden jungen, offenbar nicht unvermögenden Kaufleute Aaron Heymann und Leonhard Engelbert Nickel aus DĂŒsseldorf kaufen das Gut als Kapitalanlage. Gerhard von Holtum bleibt weiterhin PĂ€chter. Im April 1822 pachtet Gerhard von Holtum von Dr. med. Joseph Naegele „die HerrenbrĂŒck“ in der Gemeinde Bellscheidt, BĂŒrgermeisterei Eckamp. Hier verstirbt Gerhard von Holtum vier Jahre spĂ€ter im Januar 1826. Seine Frau Gertrud war bereits im Mai 1823, noch in Zeppenheim ansĂ€ssig, verstorben.

Am 23. Juli 1822 trennen sich Aaron Heymann und Leonhard Engelbert Nickel von ihren Kalkumer Immobilien. Sie verkaufen umfangreiche, bisher zum HĂŒttenhof gehörende LĂ€ndereien an Ackersleute aus Zeppenheim, Kalkum, Rath und Kaiserswerth. Das HĂŒttenhofgelĂ€nde mit seinen Scheunen und Stallungen, mit Hofraum, Garten, Baumhof, Äcker, Wiesen und Gehölz, eine GesamtflĂ€che von 65 Morgen und 125¼ Ruthen ausmachend, verkaufen sie an den Kalkumer Gastwirt Ludwig Casimir Paas. Den Kaufpreis von 6.567 Reichstaler bergisch, 30 StĂŒber oder 5.150 Berliner Thaler, 27 Silbergroschen, 7 Pfennige hat Paas in sechs gleich hohen jĂ€hrlichen Raten bis zum Jahr 1827 zu zahlen. Im Herbst 1822, und nicht 1780, wie Johann von Trostorff uns in seiner Geschichte des Niederrheins irrtĂŒmlich hinterlassen hat, zieht Ludwig Casimir Paas als neuer EigentĂŒmer auf sein Hofgut.

Die Familie Paas kommt auf den HĂŒttenhof Ludwig Casimir Paas hatte im Mai 1811 die Wirtstochter Catharina Miesenholl aus der Kaiserswerther RheinfĂ€hre („Am Rheinfahr“) geheiratet und war mit ihr in das „Langerzgut“ gegenĂŒber der Kalkumer Kirche gezogen, das sein 1809 verstorbener Vater Wilhelm, der als Hatzfeldtscher Förster auf dem Forsthof ansĂ€ssig gewesen war, erworben hatte. Neben seiner GaststĂ€tte betreibt Ludwig Casimir auch umfangreichen Ackerbau. Als er auf den HĂŒttenhof wechselt, ĂŒbernimmt sein Schwager Adolph Coenen Wirtschaft und LĂ€ndereien.

Im August 1840 leihen die Eheleute Paas von Graf Edmund von Hatzfeldt die Summe von 4.000 Thaler Preußisch Courant und verpfĂ€nden ihm ihren HĂŒttenhof mit dem dazugehörigen Ackerland und den Wiesen. Ihr Besitz ist inzwischen auf eine GesamtgrĂ¶ĂŸe von 87 Morgen, 178 Ruthen, 70 Fuß angewachsen. Zwei Monate spĂ€ter liegt der 57jĂ€hrige Ludwig Casimir Paas mit „großer KörperschwĂ€che, jedoch bei vollen GeisteskrĂ€ften“ krank zu Bett. Er lĂ€ĂŸt den Notar kommen, um sein Testament aufzusetzen. Seinen fĂŒnf Kindern vermacht er das vorhandene Vermögen zu gleichen Teilen mit der EinschrĂ€nkung, daß das Erbe des Ă€ltesten Sohnes Gerhard um 775 Taler, 5 Silbergroschen, 10 Pfennig zu kĂŒrzen sei, da dieser schon vorzeitig Geld und Mobiliar von ihm erhalten habe. Paas unterschreibt seinen letzten Willen mit zitternder Hand. Aber – er erholt sich wieder und bleibt noch weitere zehn Jahre auf dem HĂŒttenhof. 1849, ein Jahr vor seinem Ableben, lĂ€ĂŸt Paas in den umliegenden Dörfern bekannt machen, daß er seinen Haushalt auflöst. Er beauftragt den Ratinger Notar Justin Hamm die Mobilien-Auktion zu leiten und fĂŒr den gesetzmĂ€ĂŸigen Ablauf zu sorgen. 2½ Groschen Schlaggeld haben die KĂ€ufer von jedem Taler des Kaufpreises zu zahlen, alles ist unverzĂŒglich zu begleichen und die ersteigerten GegenstĂ€nde mĂŒssen sofort mitgenommen werden. Töpfe, KrĂŒge, SpĂŒlbank, Seihe, MilchschĂ€ppe, Bettstellen, Kisten, Mantelstock, Kleider-, KĂŒchenschrank und vieles mehr wechselt ebenso den Besitzer wie KĂŒhe, Rinder, Schweine, Schinken und Speck. Der Zeppenheimer Knecht Heinrich Rettinghaus gehört zu den eifrigsten Bietern. Möglicherweise beabsichtigt er zu heiraten und richtet gerade seinen neuen Hausstand ein. Heinrich Theisen aus Kaiserswerth kauft sich einen Spiegel, den er als Barbier gewiß gut gebrauchen kann. Insgesamt wechseln 157 Teile den Besitzer.

Als Ludwig Casimir Paas 1850 stirbt, beerben ihn seine Kinder:
Gerhard Paas Landwirt, DammermĂŒhle
Peter Paas Landwirt, Gut Morp
Ludwig Paas Landwirt und Gerber, HĂŒttenhof
Sibilla Paas verheiratet mit dem Wirt Theodor Spickerboom, Sterkrade
Lisette Paas verheiratet mit Professor Joseph Buerbaum, Dorsten.

In den folgenden Monaten kommt nun jeglicher noch vorhandener Mobiliarbesitz des Verstorbenen zur Versteigerung, ferner sĂ€mtliche FrĂŒchte auf den Feldern und in den Scheunen, landwirtschaftliche GerĂ€te ebenso wie alles Vieh in den StĂ€llen, Schweinefleisch, Schinken und Speck aus den Vorratskammern. Ausgenommen ist die Krautpresse nebst dem eingemauerten Topf und sĂ€mtliche dazugehörige GerĂ€tschaften. Am 24. April 1851 wird beim Wirt Anton SĂŒltenfuß, dem Nachfolger des Adolph Coenen, der inzwischen Gastwirt am Kreuzberg ist, der öffentliche Verkauf des HĂŒttenhofes verhandelt. Sechs Wochen spĂ€ter trifft man sich wieder bei SĂŒltenfuß, um den Kaufvertrag zu ratifizieren. Ludwig Paas, der jĂŒngste Sohn des Verstorbenen, kauft den Hof fĂŒr die Summe von 4.925 Taler. Er verpflichtet sich zur Einhaltung des jĂ€hrlichen Sackzehnten an Pastor und KĂŒster wie auch zur Lieferung des siebenpfĂŒndigen Brotes fĂŒr die Kalkumer Armen. Einige Ackerparzellen wechseln noch den Besitzer, danach verbleibt der HĂŒttenhof mit einer GesamtflĂ€che von 26 Morgen, 105 Ruthen, 50 Fuß. 1857 werden die Kirchenservitute fĂŒr alle Abgabepflichtigen definitiv abgelöst.

Neue Hofbesitzer
Bereits im Juni 1851, einen Monat nach dem Erwerb, verkauft Ludwig Paas den HĂŒttenhof an den Ackersmann Johann Daniel Kemperdick aus Baumberg. Möglicherweise hat Paas den Hof schon im Auftrag von Kemperdick von seinen Geschwistern erstanden, denn er ĂŒbertrĂ€gt die Immobilie an ihn zum selben Preis wie er sie erworben hat. Es ist anzunehmen, daß Ludwig Paas spĂ€ter auf das Hatzfeldtsche Pachtgut Morp bei Erkrath gezogen ist, das sein Bruder Gerhard im Januar 1854 gepachtet und fĂŒr dessen LiquiditĂ€t Ludwig gebĂŒrgt hatte. Johann Daniel Kemperdick ist verheiratet mit Maria Anna Wenzler. 1854 schĂ€tzt Johann Daniel Kemperdick den nachgelassenen Hausrat der verstorbenen Eheleute Peter Josef Bertrams, ehe der gesamte Bestand zur Versteigerung kommt. Entgegen der bisherigen Annahme pachtet er nicht das Haus der Familie Bertrams, sondern lediglich einige LĂ€ndereien. Der Hof geht in der Verpachtung im Dezember 1855 sofort an den Landwirt Theodor Stein. Über viele Jahre hat Johann Daniel Kemperdick das Amt des Rendanten inne. Er verwaltet die Finanzen der Kirchengemeinde und nimmt auch die RĂŒckzahlung der verliehenen Gelder entgegen. Als der Schmied Wilhelm Rondorf aus Zeppenheim und der Schneider Johann Brust aus dem Unterdorf 1858 bei der Kirche eine Anleihe machen, verpflichten sie sich, die RĂŒckzahlung des Geldes in der Wohnung des Rentmeisters vorzunehmen.

1865 vergrĂ¶ĂŸert Kemperdick noch einmal seinen Besitz um etliche AckerflĂ€chen, die er von der Familie des KĂŒsters Conrad Schmitz erwirbt. Vier Jahre spĂ€ter ist Kemperdick zwar noch fĂŒr die Rendantur der Kirche zustĂ€ndig, die Bewirtschaftung des Hofes aber hat er seinem Schwiegersohn Johann von Itter ĂŒbertragen. Dieser ist mit Maria Margaretha Hubertine Kemperdick verheiratet, der einzigen Tochter der Eheleute. Vor 1876 mĂŒssen Johann Daniel und Maria Anna Kemperdick auf das Gut Kaldenberg nach Einbrungen verzogen sein, denn Frau Kemperdick verstirbt dort im Januar 1876, ihr Mann acht Jahre spĂ€ter im Juni 1884. Von 1902 an ist Johann von Itter kommunalpolitisch tĂ€tig. Nach dem Tod von Peter Bertrams ĂŒbernimmt er, bis zu seinem Wegzug 1914, das Amt des stellvertretenden Gemeindevorstehers von Kalkum. Nachfolger von Johann von Itter wird spĂ€ter der Zeppenheimer Landwirt Franz Wirz.

Familie Kreutzer
Im Juli 1913 hatte der inzwischen 71jĂ€hrige Johann von Itter den HĂŒttenhof an die Eheleute Heinrich Kreutzer und Maria geb. Walbröhl verkauft und war einen Monat spĂ€ter in ein Haus mit Anbau, Hofraum und Garten in Einbrungen, an der Duisburger Chaussee 9c gelegen, verzogen, das er von Karl Lenders erworben hatte. Heinrich Kreutzer wohnt mit seiner Familie auf dem Kleianshof. Von 1907 bis 1919 ist er in Kalkum als Gemeindevorsteher tĂ€tig. Das alte HĂŒttenhofgebĂ€ude lĂ€ĂŸt Heinrich Kreutzer noch im selben Jahr des Erwerbs durch den Kaiserswerther Bauunternehmer Ophoven abreißen. Neu entsteht das heutige stattliche Wohnhaus, das nach dem Ende des 1. Weltkriegs, als der Sohn Rudolf aus Frankreich zurĂŒckkehrt, bezogen wird. Bis dahin war der landwirtschaftliche Betrieb auf dem HĂŒttenhof vom Kleianshof aus mitversorgt worden. Rudolf Kreutzer, der vor dem Krieg ein Ingenieurstudium begonnen hatte, ĂŒbernimmt den HĂŒttenhof an Stelle seines gefallenen Bruders Franz. Im November 1921 heiratet er die 21jĂ€hrige Maria Brockerhoff. Die Eheleute haben drei Kinder, von denen heute Frau Walburga Weinberg mit ihrem Mann den HĂŒttenhof bewohnt.

Als sich 1926 in Kalkum der Kriegerdenkmal-Bauverein grĂŒndet, wird Rudolf Kreutzer zum SchriftfĂŒhrer und Vorsitzenden gewĂ€hlt. Bereits vier Jahre spĂ€ter, am Pfingstsonntag 1930, findet die Einweihung des Kriegerdenkmals an der Oberdorfstraße statt. Nahezu die gesamte Kalkumer Bevölkerung und zahlreiche EhrengĂ€ste waren zur Feierstunde gekommen. WĂ€hrend des Festaktes wurden aus Flugzeugen der Lufthansa neben einem Kranz der ehemaligen Kriegsteilnehmer auch Margeriten und Kornblumen aus dem Garten der Familie Kreutzer abgeworfen. Rudolf Kreutzer starb 1950, seine Frau Maria 1987. Sie sind auf dem Kalkumer Friedhof beigesetzt. Nur wenige Schritte von ihrer RuhestĂ€tte entfernt hat es einmal ein großes Familiengrab gegeben, in dem die Mitglieder der Familie Kreutzer vom Kleianshof bestattet waren. Dahinter, in der Wiese, stand noch bis in die siebziger Jahre eine weiße SĂ€ule, die neben der Aufschrift: „Die Herren vom HĂŒttenhof“ viele Namen und Daten nannte, die bis ins 18. Jahrhundert zurĂŒckgingen. Leider wurde diese SĂ€ule im Zuge ĂŒbereifriger, unĂŒberlegter AufrĂ€umungsarbeiten zerschlagen und auf den Schutt geworfen.

Der HĂŒttenhof in Zeppenheim steht heute in der Liste der denkmalgeschĂŒtzten GebĂ€ude und ist inzwischen vom landwirtschaftlichen Gut zur stattlichen Wohnanlage avanciert. Wer durch das hohe Eingangstor den alten Hofplatz mit seinen mĂ€chtigen PappelbĂ€umen betritt, findet ihn wie in frĂŒheren Tagen umsĂ€umt von großen Scheunen. Nur lagert hier schon lange kein Getreide mehr, auch sind keine landwirtschaftlichen GerĂ€te mehr zu finden, sondern moderne Kraftfahrzeuge und neue Technik, - aber der Atem vergangener Zeiten weht immer noch spĂŒrbar zwischen den Mauern des ehemaligen Stiftshofes.

Rita Becker