Heimat-Jahrbuch 2005

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Haus und Garten von Max Clarenbach in Wittlaer
Der berĂŒhmte Jugendstil-Architekt Joseph Maria Olbrich entwarf die PlĂ€ne fĂŒr seinen Freund
Von Siegfried Weiß

Haus und Garten des Malers Max Clarenbach (Neuss 1880 - 1952 Köln), von denen hier berichtet werden soll, liegen unmittelbar auf dem Hochufer des Rheins und außerhalb des Ortskerns von Wittlaer, An der Kalvey 21, genauer gesagt in Wittlaer-Einbrungen. Von der Terrasse des Hauses geht der Blick ĂŒber eine hohe Hecke, hinter der sich ein schmaler Weg verbirgt, weiter nach Westen ĂŒber die Wiesen des VorflutgelĂ€ndes – eigentlich ein alter Flussarm - zum Rhein und bis zum gegenĂŒberliegenden Ufer der Gemeinde Nierst. Kaum sichtbar, aber durch die charakteristischen Kopfweiden und gelegentliches ErlengebĂŒsch markiert, durchzieht der Schwarzbach das grasbewachsene GelĂ€nde, auf dem sich verstreut riesige Silberpappeln erheben. Folgt der SpaziergĂ€nger dem Heckenweg - heute „Max-Clarenbach-Weg“ - rheinabwĂ€rts, so passiert er die GaststĂ€tte „Brand's Jupp“, in der Max Clarenbach mit seinem Nachbarn, dem PortrĂ€tmaler Klemm, hĂ€ufig einkehrte, und erreicht auf dem Rheinuferweg schließlich die Stelle, wo der Schwarzbach in den Rhein mĂŒndet. Über eine BrĂŒcke fĂŒhrt ein Fuß- und Radweg, der alte Leinpfad, stromaufwĂ€rts am Fluss entlang bis nach Kaiserswerth.

Joseph Maria Olbrich, geboren in Troppau (heute Opava) am 22. Dezember 1867, erhielt zunĂ€chst (bis 1886) eine Ausbildung bei Camillo Sitte und Julius Deininger an der Staatsgewerbeschule in Wien und wechselte 1890 zu einem Architekturstudium bei Carl von Hasenauer an der Wiener Akademie der bildenden KĂŒnste. Anschließend arbeitete er bis 1898 im BĂŒro des Architekten und Stadtplaners Otto Wagner. Olbrich war MitbegrĂŒnder der Wiener Secession, deren AusstellungsgebĂ€ude er 1897 bis 1898 entwarf. 1899 wurde er durch den Großherzog Ernst Ludwig von Hessen als Bauleiter an die DarmstĂ€dter KĂŒnstlerkolonie berufen, wo er die Ausstellungsbauten und die KĂŒnstlervillen auf der Mathildenhöhe und schließlich auch den Hauptbahnhof entwarf. AnlĂ€sslich der Planung fĂŒr das Warenhaus Tietz (heute Kaufhof an der Königsallee) in DĂŒsseldorf verlegte er seine TĂ€tigkeit in die Stadt am Rhein und richtete sein Atelier in unmittelbarer NĂ€he der Baustelle in der Schadowstraße 44 ein. Das Warenhaus, nach Olbrichs Tod bis 1909 von seinem SchĂŒler und Mitarbeiter Philipp SchĂ€fer vollendet, prĂ€sentierte sich in einem als „neo-klassizistisch“ empfundenen Stil. An der Außenfassade im 2. Obergeschoss, zwischen Erfrischungsraum und Gardinenabteilung gelegen, hatte Olbrich eine Folge von vier quadratischen RĂ€umen als „Kunstsalons“ konzipiert. Sie waren einzeln zugĂ€nglich und untereinander mit TĂŒren verbunden. 1909 ĂŒbernahm Clarenbach mit anderen Malern hier die Ausstellungsleitung und setzte die PrĂ€sentation „moderner“ deutscher und internationaler Kunst durch.

Neben dem Warenhaus Tietz ist Haus Clarenbach das einzige nach Olbrichs PlĂ€nen ausgefĂŒhrte Bauvorhaben in DĂŒsseldorf, wobei zu berĂŒcksichtigen ist, dass die Gemeinde Wittlaer erst 1975 in die Stadt eingemeindet wurde. In seiner grundlegenden Konzeption bildete dieser Entwurf einen notwendigerweise krassen Gegensatz zur Gestaltung des Kaufhauses, aber auch zu den ebenfalls von Olbrich im Kölner Raum geplanten reprĂ€sentativen Einzelvillen von 1808/09, die sĂ€mtlich durch Kriegseinwirkung 1943 zerstört wurden, den HĂ€usern van Geelen und Hugo Kruska in Köln-Lindenthal sowie den Villen fĂŒr den MetallgroßhĂ€ndler Walter Banzhaf beziehungsweise fĂŒr den TabakgroßhĂ€ndler Josef Feinhals in Köln-Marienburg. Und von diesen insbesondere letztere, mit ihrer monumentalen, symmetrischen Fassade, einem Portikus mit sechs dorischen SĂ€ulen und großartiger Freitreppe zum Garten hin.

Der Architekt, Joseph Maria Olbrich, und der Bauherr, Max Clarenbach, hatten sich anlĂ€sslich der Ausstellungen des „Verbandes der Kunstfreunde in den LĂ€ndern am Rhein“ kennengelernt, an denen Olbrich seit 1904/05 als Mitglied der DarmstĂ€dter KĂŒnstlerkommission mitwirkte und Clarenbach als Aussteller teilnahm. Die beginnende Freundschaft zwischen dem 38-jĂ€hrigen Architekten und dem 10 Jahre jĂŒngeren Maler vertiefte sich anlĂ€sslich der „Kölner Ausstellung“ im Mai 1907. Olbrich war Mitglied des KĂŒnstlerischen Beirats, Clarenbach und sein Freund August Deusser waren als KĂŒnstler prĂ€sent.

Bereits 1899 hatte der Maler – anlĂ€sslich eines 14-tĂ€gigen Aufenthaltes in Wittlaer – den Reiz der Rheinauen fĂŒr sich entdeckt und in Aquarellen erfasst. Seit 1901 arbeitete er im Atelier von Arthur Kampf (1864-1950) auf dem Honnenhof in Bockum, nördlich von Wittlaer; 1904 heiratete er Alice Eitel. Nun erwarb er das GrundstĂŒck am sĂŒdlichen Ortsrand des Dorfes und beauftragte Olbrich mit dem Entwurf seines Wohnhaus-Neubaus – als Gegenleistung soll er dem Freund Malunterricht erteilt haben. An Ă€lteren GebĂ€uden in unmittelbarer Nachbarschaft des Bauplatzes bestanden lediglich, unterhalb auf einer ehemaligen Rheininsel gelegen, Haus Werth, eine alte Treidelstation, und rheinaufwĂ€rts angrenzend das Wohnhaus des - allerdings bereits 1900 verstorbenen - norwegischen Landschaftsmalers Anders Askevold. Wenig spĂ€ter entstand in der Nachbarschaft, An der Kalvey 11, das Haus fĂŒr den DĂŒsseldorfer Josef Unkelbach, nach dem Entwurf des Architekten Hans Schleh von 19088. Das nordwestliche, unbebaute NachbargrundstĂŒck hat Clarenbach offenbar spĂ€ter dazu erworben; es scheint aber nie in den eigentlichen Hausbereich einbezogen gewesen zu sein. Der GrundstĂŒcksplan der Bauakte weist einen Wilhelm Jaegers als EigentĂŒmer aus. SpĂ€ter ließ sich auf der rheinabwĂ€rts folgenden Parzelle der PortrĂ€tmaler Franzjosef Klemm (Köln 1883 - 1956 Wittlaer)9 nieder, mit dem sich Clarenbach anfreundete.

Im Februar 1908 wurde mit dem Rohbau des Clarenbach-Hauses begonnen und dieser von der Baubehörde im Juli desselben Jahres abgenommen; bereits im Oktober 1908 bezog der Maler mit seiner Familie das Haus. Die originale Bauakte enthĂ€lt an Planzeichnungen neben den vier Geschossgrundrissen, der Balkenlage des Daches, einem Querschnitt und den vier Ansichten des Hauses - alle im Maßstab 1:100 - auch den erwĂ€hnten GrundstĂŒcksplan sowie einen Lageplan (1:200) mit den Außenanlagen. Olbrich hat die Vollendung seines Entwurfs nicht mehr erleben können; im August des Jahres ist der erst 40-jĂ€hrige in einem DĂŒsseldorfer Krankenhaus an LeukĂ€mie verstorben.

Eine Planzeichnung Olbrichs11, bestehend aus einem Erdgeschoss-Grundriss und vier Ansichten, ist von der Baumasse und der Raumaufteilung her als Vorentwurf fĂŒr das Haus des Malers anzusehen, weicht jedoch in bestimmenden Einzelheiten erheblich von der 1908 ausgefĂŒhrten Planung ab12. Im Entwurf steht das Haus mit den Giebelseiten zum Rhein bzw. zur Anliegerstraße. Von einem zum Heckenweg hin gelegenen, vorspringenden Eingang, der innerhalb der Fassade mit einer darĂŒberliegenden Gaube des Dachausbaus verbunden ist, betritt man einen Flurbereich, von dem eine Treppe zum Obergeschoss, eine weitere zu einem höherliegenden, eineinhalb-geschossigen Atelieranbau fĂŒhrt. Von außen sind Wohn- und Atelieranbau zu einem GebĂ€udekomplex verbunden, aber durch Gliederung von einander abgesetzt; der Arbeitsbereich des Malers ist zusĂ€tzlich durch große Glasfenster in beiden DachschrĂ€gen gekennzeichnet.

Im ausgefĂŒhrten Bauwerk wurden der Keller und die Kellerdecke aus Beton gegossen, das Erdgeschoss gemauert und teils verblendet, teils weiß verputzt. Das Obergeschoss mit beidseitigen Fenstergauben und ein schmales Dachgeschoss waren in die Holzkonstruktion des Mansardendaches integriert und mit FachwerkwĂ€nden unterteilt. Das gesamte Dach, eine Pfetten- und Sparrenkonstruktion, war mit grauen Bieberschwanzziegeln gedeckt. Über den Dachfirst erhoben sich mittig der Schornstein der Warmwasser-Heizungsanlage im Keller und an der Giebelseite der des offenen Kamins im Wohnzimmer; er trug die beiden einst fĂŒr das Haus charakteristischen vergoldeten Kugeln, die heute nicht mehr vorhanden sind. Die Dachkante (Ortgang) an den Giebeln wurde mit Holz geschlossen und mit ornamentierten Brettern verblendet; die Verglasung der Fenster war - in der fĂŒr Olbrich typischen Art - durch Sprossen unterteilt.

Den Typus des fĂŒr Max Clarenbach entworfenen Hauses hatte Olbrich im Zusammenhang mit seiner Planung eines kostengĂŒnstigen Einfamilienhauses fĂŒr eine Kleinwohnungskolonie entwickelt. Sein Beitrag wurde als „Arbeiterhaus Opel“ durch den Fabrikanten Wilhelm Opel anlĂ€sslich der Hessischen Landesausstellung fĂŒr freie und angewandte Kunst 1908 in Darmstadt errichtet. Er zeichnete sich bereits durch die Trennung von Koch- und Essbereich aus und sah ein Badezimmer vor, das von fast allen anderen Architekten in ihren Planungen vergessen worden war. Das GebĂ€ude trug „mit seinen hellen, weißen VerputzflĂ€chen und dem tief herabgezogenen roten Ziegeldach den Charakter eines freundlichen Sommerhauses“.

Dem fertigen Haus Clarenbachs nĂ€herte man sich, in dem man den zur Straße hin gelegenen, grĂ¶ĂŸeren Teil des Gartens durchquerte. Unter einer ĂŒbergrĂŒnten Pergola aus weiß gestrichenen Holzbalken, nun an der SĂŒdostseite des Hauses, fĂŒhrten wenige Stufen - sie ermöglichten die Belichtung der KellerrĂ€ume durch Oberlichtfenster, die ĂŒber Terrain-Niveau lagen - zum Haupteingang. ZunĂ€chst betrat man einen Flur, von dem aus - wie im Vorentwurf - eine Treppe zum Keller mit RĂ€umen fĂŒr die Heizung, Waschkammer, VorrĂ€te und Kohlen, beziehungsweise nach oben fĂŒhrte. Geradeaus gelangte man zu KĂŒche und Esszimmer, nach links ĂŒber einen Empfangsraum (Herrenzimmer) zum Wohnzimmer und zur verglasten Loggia mit Ausgang zur Terrasse. Im Obergeschoss befanden sich zur Rheinseite hin gelegen das Eltern- und zwei Kinderschlafzimmer, das Arbeitszimmer des Malers mit großflĂ€chigen Fenstern nach Nordosten sowie Bad und WC; ein weiterer Schlafraum und Kammern waren im Dachgeschoss untergebracht.

Der „Farbengarten“
Unter diesem Titel hielt Olbrich eine enthusiastische Rede vor der 18. Hauptversammlung „Deutscher GartenkĂŒnstler“, anlĂ€sslich der Gartenbau-Ausstellung 1905 in der DarmstĂ€dter Orangerie. Grundgedanke war die farblich auf „schmucklose, weiße Bauten“ abgestimmte Anpflanzung von Blumen, StrĂ€uchern und BĂ€umen, die durch einfriedende Mauern als „stiller Garten“ gedacht waren. Zusammen mit PflanzkĂ€sten, Pergolen mit SitzbĂ€nken, Stufen und zweckdienlichen Garten- und Beetabmessungen sollte sich ein harmonisches Ganzes ergeben. Damit wandte sich Olbrich gegen die LandschaftsgĂ€rten der Villenkolonien. In einem den Bauunterlagen des Clarenbach-Hauses beigefĂŒgten Gartenplan hat Olbrich auch einen Vorschlag fĂŒr dessen Außenanlagen gemacht, der sich auf die unmittelbare Umgebung des Hauses bezieht. Charakteristisch fĂŒr seine Auseinandersetzung mit dem „Farbengarten“ sind Areale fĂŒr blau- und gelbblĂŒhende Blumen, fĂŒr Schnitt- und Herbstblumen, eine Rosenanpflanzung, Spalierobst und RasenflĂ€chen angegeben. Eine Reihe von vier BĂ€umen vor dem Haus bestand vermutlich aus jungen Silberpappeln - eine ist als Baumriese noch erhalten. Von der Terrasse fĂŒhrte eine steile Treppe zum Heckenweg hinab. Die ursprĂŒngliche, heute verĂ€nderte Situation, mit ihren beidseitig auf Sockeln installierten, von Olbrich entworfenen Außenlaternen, weiß gestrichenen Holzspalieren und einem abschließenden, ebenfalls weißen Gartentor zum Heckenweg, ist auf alten Fotografien des Hauses und durch ein GemĂ€lde Clarenbachs dokumentiert.

Zweifellos hat vor allem die Freundschaft und die kĂŒnstlerische Auseinandersetzung mit Olbrich Max Clarenbach inspiriert, das Motiv des Gartens, zumal den seines eigenen Hauses, kĂŒnstlerisch zu thematisieren. Den Garten als Thema der bildenden Kunst hatten allerdings bereits die französischen Impressionisten entdeckt. „Jardin en fleurs“ nannte Claude Monet sein GemĂ€lde von 1866 (Paris, MusĂ©e d'Orsay), und der berĂŒhmteste nach kĂŒnstlerischen Gesichtspunkten farbig gestaltete Garten war sein eigener in Giverny. Da Monet ihn zwischen 1883 und 1926 in hunderten von GemĂ€lden dargestellt hat, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Clarenbach eines der Bilder schon anlĂ€sslich seines Parisaufenthaltes (um 1905/07) gesehen hat. Gartenbilder Monets hingen schließlich vereint mit denen Clarenbachs in der Sonderbund-Ausstellung von 1910 und dĂŒrften auch andere Maler beeinflusst haben: Ebenfalls von den Malerfreunden Julius Bretz („Das Gartentor“, um 1911; Sammlung Volmer, Wuppertal), August Deusser („Blumengarten“; Abb.: Lexikon der DĂŒsseldorfer Malerschule, Bd. 1, S. 280, - „GĂ€rten in Monheim“, um 1906/12; Abb.: Klara Denker-Nagels, Hrg.: August Deusser, Leben und Werk, Köln 1995) Walter Ophey („Garten in Bigge“, 1909/10; Sammlung Volmer, Wuppertal) und Ernst de Peerdt sind Gartenbilder bekannt. Doch wĂ€hrend Monets gemalte Natur im Licht flimmert und sich in unendliche Farbnuancen auflöst, wirken Clarenbachs frĂŒhe Gartenbilder geometrisch konstruiert und der Farbauftrag geschlossener. Das Bestreben, die Natur durch Geometrie und Perspektive zu erfassen ist jedoch nicht der „kĂŒhleren“ nordischen MentalitĂ€t zuzurechnen: Schließlich sind beide PhĂ€nomene Erfindungen der Griechen beziehungsweise der Italiener. Vielmehr ist es wohl so, dass Geometrie und Perspektive in einem ĂŒbergeordneten Sinne dem Menschen dazu dienen - im Falle der Perspektive sogar ganz konkret - die eigene Position innerhalb der Natur zu bestimmen.

Eines der frĂŒhesten GemĂ€lde der Reihe von Gartenbildern Clarenbachs (Öl auf Leinwand, 48,5 x 65 cm; signiert u.r.: M. Clarenbach; Galerie Paffrath, DĂŒsseldorf; s. Gartenbild 1) zeigt den perspektivisch konstruierten Blick von der Pergola des Hauseingangs in nordöstliche Richtung, wo der Garten von einem weiß gestrichenen Tor und Hecken begrenzt wird. Vom Tor her fĂŒhrt ein Weg zum Wohnhaus, dessen Position durch seinen schrĂ€g in den Bildausschnitt fallenden Schatten fixiert ist. Am rechten Bildrand ist der Zaun zum NachbargrundstĂŒck gegeben; ein dort befindliches GebĂ€ude (ein Schuppen?) erscheint im Anschnitt. Im Bild dominiert die klare Komposition von farblich zusammengezogenen FlĂ€chen, unter ihnen besonders frappierend die senkrecht vom Betrachter zum konstruktiven Fluchtpunkt der eingesetzten Zentralperspektive verlaufenden Begrenzung einer befestigten FlĂ€che vorne rechts. Dieser Fluchtpunkt, auf den sich auch der Zaun und in etwa die Reihen junger BĂ€ume auf der RasenflĂ€che beziehen, wird sogar durch die Angabe eines Baumstammes am Horizont markiert. Um der Komposition eine allzu starre Strenge zu nehmen, sind abweichende Fluchtlinien malerisch eingesetzt. Die vorherrschenden Formen - Dreieck, Trapez und Quadrat - werden von der Waagrechten des Horizontes gehalten und beruhigt. Dieses Konzept wird in der Darstellung eines Kastens (fĂŒr GartenabfĂ€lle?), das aus grĂŒnlich-schwarz schimmernden, rotbraunen und weißen Drei- und Vierecken besteht, weiß und grĂŒn gerahmt, gleichsam programmatisch zitiert; offensichtlich handelt es sich um einen Entwurf Olbrichs. ZusĂ€tzlich lassen die jungen, wohl erst kĂŒrzlich angepflanzten BĂ€ume den Schluss zu, dass das GemĂ€lde bereits kurz nach Bezug des Hauses, im SpĂ€tsommer 1908, entstanden ist. Und bezieht man die parallelen Schatten der BĂ€ume und des Hauses auf die Lage des GrundstĂŒcks, so verrĂ€t der Sonnenstand im SĂŒdwesten sogar die aktuelle nachmittĂ€gliche Tageszeit.

Ein weiteres Gartenbild Clarenbachs (Öl auf Leinwand, 60,5 x 70,5 cm; signiert u.a.: M. Clarenbach; Galerie Paffrath, DĂŒsseldorf; s. Gartenbild 2) fĂŒhrt den Blick von der zuvor beschriebenen Situation weiter nach links, direkt in nördliche Richtung. Wege, Beete und RasenflĂ€chen des genau mittig komponierten Bildes sind perspektivisch je auf einen rechts beziehungsweise links außerhalb des Bildes gelegenen Fluchtpunkt orientiert. An nun bereits erfolgte Anpflanzungen im Garten schließen sich - ohne Begrenzung durch einen Zaun oder Ă€hnliches - unbebaute Felder an, was ebenfalls auf eine relativ frĂŒhe Entstehungszeit des Bildes schließen lĂ€sst, etwa FrĂŒhjahr 1909. Am hoch angesetzten Horizont sind links die BaumgĂ€rten der hier beginnenden Bebauung von Wittlaer zu sehen, an ihrem rechten Ende das noch erhaltene heutige Haus Duisburger Landstraße 29. Nach rechts fĂŒhrt die baumgesĂ€umte Landstraße nach Kaiserswerth und DĂŒsseldorf. Die Tageszeit ist wiederum durch den Schatten des Hauses, links im Bild, dokumentiert: Es ist frĂŒher Nachmittag.

Die Situation zur gegenĂŒberliegenden Rheinseite zeigt Clarenbach in einer fast fotografisch ausschnitthaft gegebenen Komposition: Sie bietet sich, wenn der Maler (und mit ihm der Betrachter des Bildes) aus dem Fenster eines der im Obergeschoss gelegenen RĂ€ume des Hauses genau nach SĂŒden schaut (s. Gartenbild 3). Der Blick geht ĂŒber die Terrasse und die verdeckt liegende Böschung zu den baumbestandenen Wiesen des VorflutgelĂ€ndes und lĂ€sst den Verlauf des Rheins gerade noch ahnen. Eine Gruppe von StrĂ€uchern schließt gegen das NachbargrundstĂŒck ab. Gartenschmuck in Form einer steinernen Kugel auf der seitlichen FĂŒhrung und einer Laterne, deren beider Pendants auf der anderen Seite des Abgangs zum Heckenweg zu ergĂ€nzen sind, dokumentieren die Gestaltung auch des Außenbereichs des Hauses durch den Architekten. Weiß getupfte FlĂ€chen und blĂ€uliche Schatten verweisen auf die winterliche Jahreszeit.

Ein GemĂ€lde „Blumengarten“ (Öl/Lwd., 55 x 65 cm; s. Heimat-Jahrbuch Wittlaer 2001, S.77)16, das einen Blick ĂŒber blĂŒhende Blumen in eine weite Landschaft zeigt, korrespondiert inhaltlich mit zwei weiteren Darstellungen: „Sommergarten mit blĂŒhenden Blumen“ (Öl/Lwd., 60.5 x 80 cm; sign. u.r.: M. Clarenbach; Galerie Paffrath, DĂŒsseldorf, s. Gartenbild 4) und „Blumengarten“ (Öl/Lwd., 90 x 100 cm; sign. u.r.: M. Clarenbach). Von der Entstehungszeit her einander nĂ€her liegen die beiden letztgenannten Bilder, auf denen hinter der mit Sonnenblumen markierten (wohl nordwestlichen) GrundstĂŒcksgrenze große Heuhaufen sichtbar werden. Alle drei sind jedoch spĂ€ter gemalt als die beiden anfangs vorgestellten GemĂ€lde. Hierauf verweisen ebenso der heftigere Duktus des Pinselstrichs und ein mehr summarischer Farbauftrag, als auch die bewusst kontrastiv eingesetzten dunklen Schatten, die die Farben der Blumen leuchten lassen.

Zahlreiche weitere GartengemĂ€lde Clarenbachs befinden sich in Privatbesitz, so „Blumen- und GemĂŒsegarten“ (Öl/Lwd., 100 x 115 cm), „Gladiolen“, 1909 (Öl/Lwd., 60 x 50 cm) und „Hortensien“ (Öl/Lwd., 86,5 x 64 cm), die 1980 im Clemens-Sels-Museum, Neuss, ausgestellt waren, oder „Blumengarten am Clarenbach-Haus“ (Öl/Lwd., 60 x 70 cm, s. Gartenbild 5) in der Sammlung Volmer, Wuppertal18. Das GemĂ€lde „Stockrosen“ (Privatbesitz) zeigt vermutlich die Kombination der nahe gesehenen Malven an der Hausterrasse mit dem Blick aus dem Fenster des Obergeschosses darĂŒber: Auf dem VorflutgelĂ€nde mit seinen charakteristischen Kopfweiden und grasenden KĂŒhen erscheinen im Hintergrund breitflĂ€chig das helle Band des Rheines und sein gegenĂŒberliegendes Nierster Ufer. Wesentlich spĂ€ter entstanden als alle vorgenannten Bilder ist die „BaumblĂŒte im Garten Clarenbach“ (s. Gartenbild 6). Zu den noch an Stangen verankerten, frisch gepflanzten KirschbĂ€umchen (s. Gartenbild 4) sind weitere hinzugekommen und alle seitdem krĂ€ftig gewachsen. Zwischen ihren StĂ€mmen sieht man - rechts von der Bildmitte - das Einfahrtstor an der Anliegerstraße, deren Verlauf inzwischen durch hohe Pappeln markiert wird.

VerÀnderungen
Nach Clarenbachs Tod - 1952 - wurde der gesamte Besitz einschließlich des Hauses und des NachbargrundstĂŒcks von seiner zweiten Frau Ellen, geborene Becker, verĂ€ußert, um die beiden Töchter aus der ersten Ehe des Malers, Inge und Melitta, auszahlen zu können. Auf einem Teil dieses NachbargrundstĂŒcks ließ sich eine von ihnen ein Haus errichten. Ellen Clarenbach besaß noch eine ganze Reihe von Skizzen und EntwĂŒrfen, mit denen Olbrich den Bau des Hauses vorbereitet hatte; ihr Verbleib ist nicht bekannt.

Das Haus selbst und seine unmittelbare Umgebung verĂ€nderten sich mit der Zeit und mit den BedĂŒrfnissen seiner spĂ€teren Besitzer. Bereits Clarenbach hatte 1929 eine Garage erstellen lassen; 1942 wurde ein Kellerraum entsprechend den Bestimmungen fĂŒr den Luftschutz umgebaut. Tiefgreifender waren die VerĂ€nderungen des Umbaus von 1956/57, bei dem unter anderem das Esszimmer eine zusĂ€tzliche Terrasse erhielt und Wohnzimmer, Empfangsraum und Wintergarten zu einem Raum zusammengefasst wurden. Die Eingangspergola wurde abgerissen und durch einen verglasten Eingangspavillon ersetzt; die Fenster verloren ihre typischen Sprossenteilungen. Bei weiteren Umbauten 1970 und 1988 (Architekten: Wetz bzw. Paul Ernst, DĂŒsseldorf), wurde das Äußere des Hauses dem ursprĂŒnglichen Zustand wieder angenĂ€hert; die von Olbrich ebenfalls entworfene Innenausstattung und die ursprĂŒngliche Gartengestaltung sind jedoch verloren. Geblieben ist die intime AtmosphĂ€re, die vom Bezug des Hauses auf die - unverbaubaren - Rheinauen bestimmt ist.

Siegfried Weiß