Heimat-Jahrbuch 2005

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Schöpfen aus dem Fluss der Zeit
Gedanken zu den Arbeiten von Marita Reinhold
Von Klaus Sebastian

Dass Marita Reinholds Arbeiten nicht spontan, aus expressiver Lust und Laune heraus entstanden sind, erkennt gewiss schon der Laie. Leicht kann man ihren Gemälden, Collagen und Skulpturen ansehen, dass sie mit handwerklicher Sorgfalt und künstlerischer Liebe zum Detail erschaffen wurden. Dem Prozess des Machens geht aber ein nicht minder langwieriger Prozess des Planens, des Überdenkens, des Zweifelns und womöglich des Verwerfens voraus. Solche Phasen durchläuft jeder Künstler; sie sind Teil des schöpferischen Prozesses. Man könnte noch eine dritte kreative Phase nennen: die des Suchens, der Inspiration und der Ideenfindung - eine Phase, in der mitunter auch der Zufall ins Spiel kommt - aber bitte wörtlich zu verstehen, in dem Sinne, dass man genau hinschaut, was einem in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort ins Auge fällt, was einem eben „zufällt“.

Treibholzskulpturen
Ein direkter Bezug zwischen Arbeitsplatz und heimatlicher Landschaft offenbart sich in den reizvollen Skulpturen, die Marita Reinhold aus großen Treibholzstücken gearbeitet hat. Mancher Kreative wird sie wohl um ihr Wohn-Atelier in Wittlaer beneiden. Wenn die Künstlerin in ihrem Haus an der Staffelei arbeitet (gern inspiriert von klassischer Musik), fällt ihr Blick auf den Rhein und ein Stück unverfälschter Natur. An manchen Tagen verlässt sie ihr Atelier und erkundet die Ufer des Stroms. Dann schenkt sie Objekten ihre Aufmerksamkeit, an denen die meisten Menschen achtlos vorübergehen. Bizarr geformte Treibhölzer, Eichenbalken, die Planken eines havarierten Boots, angeschwemmte „Glasscherben an goldenen Drahtfäden“ wecken ihr Interesse und ihre Phantasie. „Eine Ahnung von Katastrophen haftet ihnen mitunter an, schwarzglänzende Brandspuren zeugen davon. Der Strom reißt diese Stücke über lange Wegstrecken mit sich; spitze und fragile Teile sowie alles Modrige, Faule bricht er weg. Er verwischt Alter und Herkunft und spült die Essenz ans Ufer.“

Diese Fundstücke, die bei Hochwasser sogar bis in ihren Garten vordringen, hat die Künstlerin einmal als „Naturreliquien“ bezeichnet. Mit großer Sorgfalt registriert und „tätowiert“ sie jene Hölzer, die es möglicherweise „in sich haben“ – übrigens stets mit der Rheinkilometer-Ziffer des entsprechenden Fundorts. Die vom Fluss ans Ufer geschwemmten Hölzer werden aufgehoben, eine Zeit lang getrocknet und gelagert. Sie reifen sozusagen. Erst viel später wird das scheinbar Zufällige zu einem Kunstwerk umgewandelt, das die Zeit wenn möglich überdauern soll. Marita Reinhold geht recht behutsam mit ihren Fundstücken um: Mit Blattgold werden Akzente gesetzt – oft an jenen Stellen, die der Fluss schon als „Merkmale“ vorgezeichnet hat. Diesem Akt der Verwandlung von Natur in Kunst - beispielsweise in der Form einer anmutigen „Treibholzmadonna“ - eignet etwas Zauberisches, und diese Art von „Magie“ begegnet uns auch auf vielen Gemälden der Künstlerin.

„Archäologische Gemälde“
Die Bildmotive basieren hier auf Grundrissen romanischer Kirchen, Abteien und Wallfahrtsstätten. Auch in diesem Forschungsfeld geht Marita Reinhold immer vom Realen aus. Sie hat all diese Orte bereist (zum Beispiel Maria Laach, einen Keltentempel bei Pesch, die Liebfrauen-Kirche von Oberwesel, die Pilgerpfade in Spanien und Südfrankreich - und viele mehr). Sie hat sich von der Atmosphäre der sakralen Stätten einfangen lassen; sie ist über ausgetretene Steinfußböden gelaufen und hat sich vorgestellt, in wessen Spuren sie hier wandelt, hat Kirchenhefte mit Grundrissplänen gesammelt, hat sich Anekdoten und Legenden erzählen lassen, die mit diesen Orten verbunden sind.
Ganz im Sinne der Kubisten kristallisiert die Künstlerin dann die Grundstrukturen eines Bauwerks oder seines Plans heraus, um die Einzelteile hernach in einer vielansichtigen Synthese zu verdichten. Die Malerin analysiert dabei nicht pedantisch exakt oder schematisch wie ein Wissenschaftler, der sein Untersuchungsobjekt ja zergliedert - mitunter zerstört, um dessen Funktionsweise, oder dessen Kern zu ergründen. Die Künstlerin nimmt wahr, sie schenkt dem Objekt Aufmerksamkeit, womöglich Hingabe – und sie fühlt sich ein, letztlich auf der Suche nach dem Wesenskern dessen, was da in der Wirklichkeit aufscheint. „So verstärkt sich bei manchen Grundrissen die Form eines Kreuzes oder einer Figur; bei einer arabischen Architektur gleicht der innere Hohlraum manchmal einem Wickelkind mit ausgebreiteten Armen. Darüber hinaus versuche ich auch, die Stimmung des Tages und des Orts mit einzubeziehen.“
Zum besseren Verständnis von Kunst ist es immer nützlich, wenn man die Vorgehensweise eines Künstlers oder einer Künstlerin - also auch die Phase der Recherche, all das, was geschieht, bevor der erste Pinselstrich auf die Leinwand getupft wird, nicht außer acht lässt. Ein exemplarisches Beispiel für Marita Reinholds Art der Ideenfindung lernte ich in der Vorgeschichte zur Entstehung des Gemäldes „Die blaue Margret“ kennen. Als die Künstlerin die in Stein gemeißelte Gestalt auf einem Grabdenkmal in der Düsseldorfer Lambertus Basilika entdeckte, wusste sie gleich, dass hier ein neues, faszinierendes Thema auf sie gewartet hatte. Womöglich war es das unschuldige, rührende Gesicht der Unbekannten, das ihre Neugier geweckt hatte. Und weil Reinhold sich nie mit einer rein intuitiven Annäherung an einen Gegenstand zufrieden gibt, wollte sie mehr über die Geschichte dieser mysteriösen jungen Frau erfahren.

Im Laufe ihrer Nachforschungen lernte sie in Düsseldorf schließlich einen Theologen kennen, der ihr die entscheidenden Informationen verschaffte. Margarete von Waldeck sei die Lieblingsschwester des damaligen Herzogs von Berg gewesen, erzählte er. Als Festgast weilte sie einst im Düsseldorfer Schloss, wo sie auf der Turmtreppe so unglücklich stürzte, dass jede Hilfe zu spät kam. Die junge Frau verstarb im Jahre 1384. Das spätgotische Grabdenkmal in Lambertus entstand erst 1389. Nach über 600 Jahren bleibt wohl vieles immer noch rätselhaft.

Doch wie sollte sie sich einem solchen Thema künstlerisch nähern? Wie konnte sie sich selbst - und später auch dem Betrachter - die tragische Geschichte dieser „Liegefigur“ mit künstlerischen Mitteln vergegenwärtigen? Auch das darf man übrigens wörtlich nehmen, denn die Künstlerin transportiert ja etwas längst Vergangenes in unsere Gegenwart hinein. Zunächst entstanden erste Skizzen vor Ort. Doch Marita Reinhold ging es ja um mehr. Mit einem naturalistischen, schlichten Porträt würde sie sich nicht zufrieden geben.

„Bilder und Skulpturen in Kirchen sind durch die über Jahrhunderte währende Verehrung magisch aufgeladen. Doch wie bekommt man das ins Bild?“ Sie entschied sich schließlich für ein Triptychon, das die Margret auf der linken Tafel als junge, lebensfrohe Frau zeigt; in der Mitte sieht man die unbekleidete Leiche; rechts erkennt man ein farbiges Porträt, das sich an der Form des Grabmals orientiert. So treffen Leben, Tod und Erinnerung aufeinander. Dass es sich bei der Lebenden im Gegensatz zu den beiden anderen um eine stehende Figur handelt, fällt dem Betrachter anfangs kaum ins Auge. Auf Reinholds Gemälde erscheinen die liegenden Gestalten nämlich vertikal aufgerichtet - und werden folglich als Porträts auf einem Wandbild, einem Tafelbild wahrgenommen.

Und genauso verfährt sie in einer anderen wichtigen Werkgruppe: ihren archäologisch anmutenden Grundriss-Gemälden. Auch hier hat der Betrachter Tafelbilder vor Augen, die eigentlich auf dem Boden liegen müssten. Der scheinbar so simple Perspektivwechsel ruft einen merkwürdigen Verfremdungseffekt hervor. Nehmen wir hier etwas relativ Vertrautes nicht als ein Fremdes wahr? Die Konstruktionslinien und Gewölbebögen könnte man auf Anhieb beispielsweise für Strukturen halten, wie man sie in Werken der abstrakten Kunst vorfindet. Wer das Vertraute in der Verfremdung als eigentlich Neues wahrnehmen möchte, muss sich freilich Zeit nehmen und sehr bewusst hinschauen. Und in dieser Wahrnehmungstätigkeit vollzieht der Betrachter im Grunde das nach, was die Künstlerin in der vorher beschriebenen Erkundungsphase ihres Schaffensprozesses erlebt hat: Wir entdecken Verborgenes oder Alltägliches neu – und setzen es – im Idealfall - in Beziehung zu unserer gegenwärtigen Welterfahrung.

Marita Reinhold geht freilich noch einen Schritt weiter. Ihr Ziel ist es, das Unbekannte - oder das in Vergessenheit Geratene - zu erforschen und es über die Brücke der Kunst für die Gegenwart zu retten. Gleichzeitig fragt sie nach den Ursprüngen des Mythos. Doch wo die Wissenschaftler ihre Forschungsobjekte entmystifizieren, raubt die Künstlerin dem Überlieferten eben nicht seinen Zauber. Sie versucht vielmehr dessen Aura zu bewahren. Mit Pinsel, Farbe und Blattgold legt Reinhold Strukturen frei, sie befreit die Grundrisse aus der Tiefe, rekonstruiert und sichert somit Spuren aus längst vergangener Zeit. Der wertvolle Anmutungscharakter des Goldes erscheint in diesem Fall überaus sinnvoll, denn hier wird ja das Wahre, das zu Bewahrende oder gar das Zerstörte in Obhut genommen, dann malerisch aufgewertet und hervorgehoben – der Begriff des Erhabenen ist da nicht weit. Ganz davon abgesehen, dass manche Komposition ihre Kraft aus den Gesetzmäßigkeiten einer überlieferten Zahlensymbolik bezieht. Der Vorgang des Malens wird so zu einem reflexiven Akt der Welterfahrung und der Kulturerfahrung.

Collagen und ein geheimnisvolles Triptychon
Auch in ihren detailreichen, barock pulsierenden Collagen mischen sich religiöse und profane Inhalte. Ein berauschendes Welttheater entsteht da aus kreisenden Bewegungen, und wer mag, der kann darin die Sehnsucht nach der Herstellung einer Ordnung erblicken, der Fügung zu einer Struktur, die dem modernen Menschen Halt versprechen könnte, in einer Zeit, die nur noch wenig Orientierung, jedenfalls keine Mitte mehr zu bieten scheint.

Marita Reinhold ist nach wie vor viel unterwegs – nicht nur an den Ufern des Rheins oder in traditionsreichen Gotteshäusern. Sie ist auch künstlerisch und geistig immer neu auf der Suche nach Erkenntnissen. Das belegt nicht zuletzt eine ihrer jüngsten Arbeiten, die sie „Fest des 2. Juli“ („Maria Heimsuchung“) genannt hat. Auf diesem in zahlreichen Rottönen glühenden Triptychon, das beinahe wie ein Gegenstück zur „Blauen Margret“ anmutet, erkennen wir in der Mitte eine Darstellung der Mailänder Madonna aus dem Kölner Dom (übrigens wieder eine Steinskulptur - ähnlich wie die Margarete). Links und rechts rahmen zwei unbekleidete, schwangere junge Frauen das zentrale Bildnis. Was auf den ersten Blick wie ein Tabubruch aussieht, hat auch in diesem Fall seinen guten Grund - und tatsächlich einen biblischen Ursprung. Man kann die betreffende Episode im Neuen Testament nachschlagen: Nachdem Maria vom Engel Gabriel über ihre Schwangerschaft unterrichtet worden war, ging sie ins Haus ihrer Verwandten Elisabeth, die zu jener Zeit ebenfalls ein Kind erwartete. Elisabeth begrüßte sie herzlich: „Siehe - da ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte vor Freuden das Kind in meinem Leibe“, sagte sie.

Wieder vergegenwärtigt uns Marita Reinhold einen Mosaikstein der christlichen Kultur, doch mehr noch - sie stellt ihn sogar neben ein selbst erlebtes Stück Gegenwart. Denn auch hier ist der Zugang zum Thema ein ganz persönlicher. Umso mehr, wenn man erfährt, dass es sich bei den jungen Frauen um die Tochter der Künstlerin und deren Freundin handelt, die – wie der Zufall es wollte – zur gleichen Zeit schwanger waren. In diesem Fall habe sie sich zunächst von der Schönheit der jungen Körper mit ihren gewölbten Bäuchen faszinieren lassen, verrät die Künstlerin. Um den Begriff der Schönheit geht es wohl in all ihren Arbeiten; das ästhetische Empfinden der Malerin verrät sich in mancher harmonischen, stimmigen Bildkomposition. Dass diese Werke der Ästhetik verpflichtet sind, ist offensichtlich, heutzutage aber überhaupt keine Selbstverständlichkeit mehr. Dabei haben mittlerweile die meisten Menschen begriffen, dass wir - so deprimierend die Realität mitunter auch sein mag - ohne feste Vorstellungen und Werte, ohne das Schöne, zumindest ohne eine Vision des Schönen nicht überleben können.

Marita Reinhold ist eine Künstlerin, die Wertvolles aufspürt und bewahrt, die gegen den Trend einer von schnellen Reizen und Oberflächlichkeit geprägten Zeit den Menschen in Form von stillen, schönen, mitunter provokanten Mahnmalen etwas Dauerhaftes präsentiert. Wenn wir im Bildnis der „Blauen Margret“ also eine Synthese aus Leben, Tod und Erinnerung ausgemacht haben, so könnte man das „Fest des 2. Juli“ als ein geistreiches Dreierbildnis interpretieren, das von der Erinnerung, der Gegenwart und von Zukünftigem erzählt – einer Zukunft, die sich in den Bäuchen der beiden jungen Frauen ja schon sichtbar und hoffnungsfroh ankündigt.

Mythos und Alltag sind letztlich miteinander verbunden – auch diese Botschaft mag man aus Reinholds Werken herauslesen. Daneben erscheint mir die Künstlerin mehr denn je als „Sammlerin“, als aufmerksame Sammlerin und Forscherin, die sich von gegenwärtigen und vergangenen Erscheinungsformen faszinieren lässt, von Formen, Bildern und Dingen, die sie aufsammelt, aufbewahrt und bildnerisch überdenkt, bis ein Ergebnis sichtbar wird, in dem sich gottlob alles zum Besten fügt.

Zuletzt die naheliegende Frage, ob man die beschriebenen Werke als „religiöse Kunst“ bezeichnen dürfe. Auch hier erscheint ein Hinweis auf den Ursprung des Worts hilfreich. „Religio“ – das bedeutet re-ligare, ein Zurückbinden (an das Göttliche). Wie wir gesehen haben, macht sich Marita Reinhold reisend, fragend - auch Religiöses überdenkend - und schließlich malend auf den Weg zu den Wurzeln, zu den Ursprüngen unserer Kultur. Sie lebt ihre Rolle in einer weitgehend orientierungslosen Zeit als Suchende, als Künstlerin und Mittlerin, die sich um „Erfrischung“ und um „Rückbindung“ - also um „Re-ligio“ - bemüht. In ihren Werken fordert sie uns auf, sie auf diesem Weg suchend, schauend, staunend und möglicherweise verstehend zu begleiten.

Klaus Sebastian
Marita Reinhold 1940 in Duisburg geboren, 1956-1961 Studium an der Kunstakademie DĂĽsseldorf bei Bruno Goller und Otto Coester, 1962-1988 Illustrationen fĂĽr Magazine, BĂĽcher und Werbung, 1987 Stipendium der Adligerer Gesellschaft MĂĽnster, 1988-1994 erneutes Studium an der Kunstakademie DĂĽsseldorf bei Siegfried Creme, lebt und arbeitet in Wittlaer. Fotos Hubert Dieregsweiler, Foto Grosse, H.P. Hoffmann, Dick Meljer, Pia-Maria Reinhold, Michael Steinhoff