Heimat-Jahrbuch 2008

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Jean Brand – Friseur, Multitalent und Original
Durch handwerkliches Können und GeschĂ€ftssinn zu Wohlstand – Aber auch harte Zeiten durch Weltkrieg und Inflation
Von Annemarie Schreiber-Brand und Hermine Conrad

Jean Brand wurde am 16. April 1881 in Warburg geboren. Als 21-jĂ€hriger kam er nach DĂŒsseldorf und eröffnete auf der Graf-Adolf-Straße einen Frisiersalon. 1902 lernte er seine Frau Anna kennen und heiratete sie noch im gleichen Jahr. Anna Brand war eine geborene Ahn und stammte von einem begĂŒterten Bauernhof in Raeren. Damals gehörte Raeren noch zu Deutschland, heute liegt der Ort in Belgien. Anna Brand bestand darauf, GeschĂ€ft und Wohnung unter einem Dach zu haben, wohl wegen der „Gefahr”, der ihr Mann ausgesetzt war, tĂ€glich mit schönen und wohlhabenden Frauen in BerĂŒhrung zu kommen.

Immerhin war er groß, gut aussehend, tĂŒchtig und charmant. Modebewusste Frauen, auch aus der Umgebung wie z.B. Remscheid und WipperfĂŒrt, kamen in ihren Equipagen bald in den Salon und ließen sich komplizierte Frisuren kreieren. Der „Haaraufbau” musste nicht selten noch den modischen HĂŒten standhalten. Unter den Damen entstand seinerzeit ein Wettstreit, wer wohl den lĂ€ngsten Zopf hĂ€tte.

Außer dem Salon Brand existierte in DĂŒsseldorf zu damaliger Zeit nur noch ein Friseur: FĂŒtterer an der Tonhalle. Brand war in aller Damenmunde und hatte sehr bald elf Friseure angestellt. Seinem GeschĂ€ftssinn war nicht entgangen, dass mit Tabak und Zigarren sich zusĂ€tzlich Geld verdienen ließ. Deshalb richtete er eine Ecke im Salon ein, wo er diesen Bedarf decken konnte. Durch sein handwerkliches Können und seinen GeschĂ€ftssinn hatte es die Familie zu einem ansehnlichen Wohlstand gebracht.

In DĂŒsseldorf wurden den Brands drei Kinder geboren, von denen nur Johannes, geb. am 20.6.1903, am Leben blieb. Johannes wurde 1930 in St. Gabriel in Wien bei den Styler Missionaren zum Priester geweiht und war 25 Jahre Missionar in China und anschließend noch 10 Jahre in Brasilien.

Bald wurde die Frage akut, ein GrundstĂŒck auf der Graf-Adolf-Straße zu kaufen oder eins in Kaiserswerth. Man entschied sich fĂŒr Kaiserswerth. Das angekaufte GrundstĂŒck erstreckte sich vom Markt bis fast zum MĂŒhlenturm. Auch das alte Zollhaus war Teil des Ankaufs. In diesem Haus befand sich auf der 2. Etage eine Synagoge. Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde das neue Zollhaus am Rhein gebaut und unterschiedlich genutzt. Jean Brand wollte ursprĂŒnglich in dem GebĂ€ude eine Friseurschule errichten, eine fĂŒr diese Zeit weitsichtige Idee. Der Ausbruch des Weltkrieges vereitelte dieses Vorhaben. Statt dessen wurden 150 Soldaten einquartiert. Jean Brand wurde als Landobmann eingesetzt. Seine Aufgabe bestand darin, entflohene Gefangene aufzuspĂŒren und auszuliefern. Nach Aussage seiner Tochter Annemarie Schreiber-Brand schickte er die Festgenommenen stattdessen nach Hause. In dieser Zeit konnte er den Friseurberuf nicht ausĂŒben und wurde, wie viele andere Kaiserswerther, verpflichtet, bei Rheinmetall kriegswichtige Arbeiten auszufĂŒhren.

In Kaiserswerth wurden der Familie noch zwei Töchter geboren, 1917 Annemarie, heute Frau Schreiber und Ursula 1919, die spĂ€ter als Frau Hammelstein den Friseursalon ĂŒbernommen hat. Die schlechten Zeiten nach dem 1. Weltkrieg zwangen die Familie, das neue Zollhaus zu verkaufen. Die galoppierende Inflation fĂŒhrte dazu, dass wenig spĂ€ter das durch den Verkauf erzielte Geld nur noch einen Gegenwert von sechs paar Schuhen hatte. Es folgten harte Jahre fĂŒr die Familie, in denen das Geld kaum fĂŒr das Essen reichte.

In dem damals vermieteten Haus am Kaiserswerther Markt 15 konnte Jean Brand erst 1927 seinen bis heute noch bestehenden Friseursalon eröffnen. Viele ehemalige Kunden erinnern sich heute noch an Jean Brands fröhliche und gewinnende Art, mit Menschen umzugehen.